Alter Dackel auf der Akademie
BILDENDE KUNST 
Mit einer Werkschau feierte der Maler Erhard Schütze in der Hoffmannsklause seinen 80. Geburtstag.


VON UNSEREM MITARBEITER  ANDREAS THAMM
Bamberg — In den 70er-Jahren macht ein junger Maler mit dem wunderlichen Namen Drahre Eztühcs bei einer Ausstellung auf der Giechburg auf sich aufmerksam. Und zwar nicht wegen des Buchstabensalats, sondern wegen seiner Bilder. Der junge Künstler beweist handwerkliches Geschick und ein besonderes Auge für Komposition, seine Arbeiten sind von gedeckten Farben geprägt und nur vereinzelt gegenständlich.
Fritz Hoffmann, damals Vorsitzender des Berufsverbands bildender Künstler in Bamberg, will diesen Eztühcs kennenlernen. Und einladen, in der Hoffmannsklause in Bug auszustellen. „So flog der Schwindel auf“, sagt Erhard Schütze und lacht. Er sei einfach zu zurückhaltend, vielleicht schüchtern gewesen, um seinen echten Namen abzugeben. Also schrieb er ihn rückwärts und gab die Bilder im Namen eines Freundes ab, der noch nicht so gut Deutsch spreche.
Fritz Hoffmann war sein Entdecker. Der Hoffmannsklause ist Schütze bis heute erhalten geblieben. Peter Hoffmann, heute Leiter von Galerie und Gastwirtschaft in Bug, zeigt alle fünf Jahre die neusten Werke aus Schützes Werkstatt. Anlässlich des 80. Geburtstages wurde es Zeit für eine Werkschau, eine Ausstellung, die auch das Werden eines Malers zeigt.
Schütze sitzt sehr zufrieden in der Hoffmannsklause. In seinem blauen Gustav-Klimt-Kittel wirkt er fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber das täuscht. Ohne seinen Computer könnte er nicht leben, sagt er. Und auf seinen Bildern scheute er nie den direkten Bezug zum Zeitgeschehen. Sei es die Wiedervereinigung Deutschlands, der Jugoslawienkonflikt oder die Flüchtlingskrise. Schützes Bilder sind welthaltig, ohne darüber moralisierend zu werden. Er blickt zurück auf ein reichhaltiges und mit lukrativen Preisen dekoriertes Oeuvre.
Dabei wäre er, hätte der Zweite Weltkrieg nicht stattgefunden, eher Musiker als Maler geworden. Die Geige des Buben bleibt unter den Trümmern des Elternhauses verschüttet, die Familie muss aus dem tschechischen Ostrau fliehen. „Einen Bleistift hat man immer gehabt“, erinnert er sich. Während seine Schwester fein säuberlich ausmalt, nimmt Erhard am liebsten fünf Bleistifte gleichzeitig in die Faust und legt los.
Sein Talent erkennt später der Großvater. Der gelernte Grafiker arbeitet noch mit dem Steindruckverfahren. Eine große Lupe vor dem Auge, beugt er sich über den Lithografiestein und beschreibt ihn mit der Feder. Schütze darf ihm über die Schulter blicken. „Diese unglaubliche Genauigkeit hat mich sehr beeindruckt.“
In Stuttgart lernt Schütze selbst Grafiker und Dekorateur. Grafiker, weil er das werden will, Dekorateur dem Vater zuliebe. In dieser Zeit erwirbt er das Handwerk, das für ihn noch heute eine enorme Rolle spielt: „Bei einem schwarz-weiß gemalten Schuh musste erkennbar sein, ob es ein Lackschuh, ein Lederschuh oder ein Wildlederschuh ist.“ Diese Anforderungen an eine realistische Darstellung seien ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
Dennoch: Eine erste Anstellung findet Schütze als Dekorateur. In der Sarotti-Filiale in der Wallensteinpassage in Bamberg. Als die Geschäftsleitung ihm auch nach fünf Jahren das Büro des Grafikers verweigert, kündigt Schütze kurz entschlossen: „Stocknarrisch wie ich war. Es war mir wurscht.“ Er bekommt nicht einmal mehr das Paket mit Bruchschokolade, das jedem Mitarbeiter zu Weihnachten zusteht.
Schütze beschließt, bei den Karmeliten das Abitur nachzuholen und arbeitet als Werbefachmann für die Familie Kliemann. Den Kliemanns gehört das Kino in der Luitpoldstraße. Und aus dem Dekorateur Erhard Schütze wurde ein begeisterter Plakatmaler, der in der „Filmgalerie“ zum ersten Mal eigene Werke ausstellte. Nach der wegweisenden Schau auf der Giechburg gerät Schütze in die Künstlerkreise rund um die Familie Hoffmann und präsentiert seine Werke auch in der Galerie am Stephansberg.
Im Selbstverständnis bleibt er ein Handwerker, Plakatmaler, Werbefachmann. Bis Erica Kliemann ihn 1982 zur Sommerakademie in Salzburg anmeldet; hinter seinem Rücken. Schütze ist sauer: „Ich als alter Dackel sollte mit 45 nochmal auf die Akademie gehen!“ Natürlich lässt er sich überreden und kommt in den Genuss, bei den „Weltmalern“ Arik Brauer und Giselbert Hoke zu lernen. Später wird er Hokes Assistent: „Der hat mich mit einem Bazillus infiziert, den ich aber vorher schon in mir hatte.“
Spätestens jetzt, Mitte der 80er-Jahre, wäre es also mehr als legitim, sich als Künstler zu verstehen und begreifen. Schütze sammelt Preise in Stuttgart, Bamberg, München, gewinnt 1990 den Wettbewerb um das Oktoberfest-Plakat und etabliert einen ganz eigenen Stil, der gegenständlich-realistische Malerei mit abstrakten Formen in eins bringt. Dennoch wehrt er sich bis heute gegen den Begriff: „Ich bin Maler. Ein Künstler ist nicht zu fassen, der kann jeden Scheißdreck bauen und dann ist es Kunst.“
Mann mit klarer Haltung
Schütze ist ein Mann mit klarer Haltung, der reflektiert und gestenreich über sein Werk Auskunft gibt. Er will ehrliche, aufs Wesentliche konzentrierte Bilder herstellen. Sie sind stets Ausdruck eines inneren Ansporns, der weder ignoriert, noch erzwungen werden kann. „Solche Bilder“, sagt er, „kann man nicht serienmäßig herstellen. Dann verkommen sie und sind nur noch bemalte Leinwände.“
Die Geburtstagsausstellung in der Hoffmannsklause wird nach einem Umbau ab 6. März wieder zu sehen sein. Von Ostern bis Oktober täglich. Erhard Schütze, der behauptet, er plane nie, hat derweil eigentlich schon das Nächste im Kopf: In seinem Atelier in Ludwag möchte er eine Malschule einrichten. Eröffnung wäre 2020, zum 85. Geburtstag. „Dann gibt es eine grande festa“, sagt er und breitet die Arme aus: „Lasset die Kinderlein zu mir kommen!“
Das ist der eine Traum, der realistische. Der andere wird sich wohl leider nicht erfüllen: „Ich möchte“, sagt Erhard Schütze, „gern in 100 Jahren wiederkommen, wenn drei Generationen an meinen Bildern vorbeigelaufen sind.“ Wenn seine Werke dann noch in der Lage seien, einen Betrachter gefangen zu nehmen, dann erst, so Schütze, könnte man sagen, sie hätten die Prüfung bestanden. Dann wären sie tatsächlich Kunst geworden.